Microsoft Entra Domain Services: LDAP und Kerberos für Cloud-only-Umgebungen
Entra ID spricht kein LDAP und kein Kerberos. Microsoft Entra Domain Services stellt eine verwaltete Active-Directory-Domäne bereit, die Benutzer aus Entra ID synchronisiert und klassische Protokolle anbietet. Funktionsweise, Grenzen, Kosten und ein Praxisfall mit einem E-Mail-Gateway.
Wer seine Benutzer vollständig nach Microsoft Entra ID (früher Azure Active Directory) verlagert hat, merkt es spätestens bei der ersten Appliance oder Legacy-Anwendung: Entra ID beantwortet Abfragen über Microsoft Graph und moderne Authentifizierungsprotokolle wie OAuth und SAML, aber nicht über LDAP, Kerberos oder NTLM. Ein LDAP-Bind gegen Entra ID ist schlicht nicht möglich. Für alles, was ein klassisches Active Directory erwartet, bietet Microsoft dafür einen eigenen Dienst an: Microsoft Entra Domain Services, früher Azure AD Domain Services.
Was der Dienst bereitstellt
Entra Domain Services ist eine verwaltete Active-Directory-Domäne. Microsoft betreibt dafür zwei Windows-Domain-Controller in einem Azure-VNet, kümmert sich um Patching, Replikation und Backups und synchronisiert Benutzer und Gruppen automatisch aus Entra ID in die Domäne. Die Synchronisierung läuft nur in eine Richtung, von Entra ID in die verwaltete Domäne; Änderungen direkt in der Domäne fliessen nicht zurück.
Nach aussen verhält sich die Domäne wie ein gewöhnliches Active Directory: Sie beantwortet LDAP- und LDAPS-Abfragen, unterstützt Kerberos- und NTLM-Authentifizierung, erlaubt den Domänenbeitritt von VMs und bietet eingeschränkte Gruppenrichtlinien. Anwendungen und Geräte müssen dafür nicht angepasst werden; sie sehen einen Domain Controller.
Wofür man ihn braucht
Der Dienst zielt auf Umgebungen, die eigentlich cloud-only sind, aber einzelne Komponenten mit klassischen Verzeichnisanforderungen betreiben:
- Appliances und Fachanwendungen mit LDAP-Anbindung: Geräte, die Benutzer per LDAP suchen, Gruppenmitgliedschaften auswerten oder Anmeldungen per LDAP-Bind prüfen.
- Lift-and-Shift-Migrationen: Server-Workloads, die domänengebunden bleiben müssen (Kerberos, NTLM, Domänenbeitritt), ohne dass eigene Domain Controller in Azure betrieben werden sollen.
- Umgebungen ohne lokales AD: Wo nie ein Active Directory stand oder es abgebaut wurde, ersetzt die verwaltete Domäne den Aufbau eigener DCs samt deren Betriebsaufwand.
Wichtig zur Abgrenzung: Wer noch ein lokales Active Directory mit Entra-Connect-Synchronisierung betreibt, braucht den Dienst in der Regel nicht; die Appliance fragt dann das bestehende AD ab. Entra Domain Services füllt die Lücke, wenn Entra ID die einzige Benutzerquelle ist.
Architektur und Einrichtung
Die verwaltete Domäne wird in einem eigenen VNet oder Subnetz bereitgestellt und erhält zwei feste Domain-Controller-Adressen. Workloads in anderen VNets erreichen sie über VNet-Peering; die DNS-Server der beteiligten VNets müssen auf die Domain Controller zeigen, damit Domänenname und Objekte auflösbar sind. Der Zugriff wird über Network Security Groups auf die tatsächlich benötigten Quellen und Ports eingeschränkt.
Einige Eigenheiten der verwalteten Domäne, die bei der Anbindung von Anwendungen relevant sind:
- Synchronisierte Benutzer liegen in der OU AADDC Users, die Domäne trägt ohne eigene Konfiguration das onmicrosoft.com-Suffix. Search Base und Bind-DNs müssen diese Struktur abbilden, etwa CN=svc-ldap,OU=AADDC Users,DC=example,DC=onmicrosoft,DC=com.
- Es gibt keinen Domain Administrator. Die Verwaltung läuft über die delegierte Gruppe AAD DC Administrators; Schema-Erweiterungen sind nicht möglich.
- Für LDAP-Bind-Konten genügt ein dediziertes, unprivilegiertes Konto; für reine Verzeichnisabfragen in Entra ID die Rolle Directory Readers.
Das Passwort-Hash-Problem
Ein Punkt kostet in Tests regelmässig Zeit: Kerberos- und NTLM-Anmeldungen sowie LDAP-Binds brauchen Passwort-Hashes in der verwalteten Domäne. Für cloud-only-Konten erzeugt Entra ID diese Hashes erst bei der nächsten Passwortänderung nach der Aktivierung des Dienstes. Ein frisch synchronisierter Benutzer ist also im Verzeichnis sichtbar, kann sich aber erst anmelden, nachdem er sein Passwort einmal geändert hat. Bei hybriden Konten müssen die Hashes per Entra Connect aus dem lokalen AD mitsynchronisiert werden.
Secure LDAP Schritt für Schritt
Innerhalb der Domäne läuft LDAP standardmässig unverschlüsselt über Port 389. Für Anmeldungen und für jeden Zugriff ausserhalb streng abgeschotteter Netze gehört die Verbindung auf Secure LDAP (LDAPS, Port 636); Zugriff von ausserhalb des VNets bietet der Dienst ohnehin nur verschlüsselt an. Die Einrichtung besteht aus vier Schritten.
1. Zertifikat beschaffen. Secure LDAP braucht ein eigenes Zertifikat, das als PFX inklusive privatem Schlüssel hochgeladen wird. Subject oder SAN muss die verwaltete Domäne als Wildcard abdecken (etwa *.example.onmicrosoft.com), da Anfragen bei jedem der beiden Domain Controller landen können. Als Quelle kommen eine öffentliche CA, die eigene PKI oder ein eigens erstelltes selbstsigniertes Zertifikat infrage. Beim selbstsignierten Weg muss die Kette auf jedem anfragenden System als vertrauenswürdig hinterlegt werden; nicht jede Appliance lässt das zu. Wer die Wahl hat, fährt mit der eigenen PKI oder einer öffentlichen CA ruhiger.
2. Secure LDAP aktivieren. Im Portal unter Settings > Secure LDAP wird die Funktion eingeschaltet und das PFX samt Passwort hochgeladen. Optional lässt sich dort der Zugriff über das Internet freigeben; die verwaltete Domäne erhält dann eine öffentliche IP-Adresse.
3. Netzwerk und DNS. Die externe IP-Adresse steht unter Properties. Die zugehörige NSG-Regel öffnet TCP/636 und sollte auf die tatsächlich benötigten Quell-IP-Adressen eingeschränkt werden, nicht auf Any. Für die Namensauflösung zeigt ein DNS-Eintrag (etwa ldaps.example.com) auf diese IP; er muss zum Zertifikat passen. Interne Zugriffe laufen weiter direkt gegen die Domain-Controller-Adressen.
4. Verbindung testen. Vor der Umstellung der Anwendung lohnt der Test mit einem LDAP-Browser, ldp.exe oder ldapsearch gegen Port 636: Bind mit dem Servicekonto, danach eine Suche unter der OU AADDC Users. Erst wenn Bind und Suche dort sauber funktionieren, kommt die Anwendung an die Reihe.
Für die Einrichtung des Dienstes selbst braucht das Portal-Konto die Rollen Application Administrator, Domain Services Contributor und Groups Administrator; das Deployment der verwalteten Domäne dauert gut eine Stunde. In den Sicherheitseinstellungen lässt sich zudem TLS 1.2 als Minimum erzwingen.
Kosten
Entra Domain Services ist ein Dauerbetriebsposten: Der Dienst wird pro Stunde nach SKU abgerechnet, dazu kommen VNet, Peering und allfällige Test-VMs. Für den einen kleinen LDAP-Anwendungsfall ist das ein stolzer Preis; die Alternative, eigene Domain Controller als VMs zu betreiben, kauft sich die Ersparnis allerdings mit Patching, Backup und Verfügbarkeitsverantwortung zurück.
Praxisfall: E-Mail-Gateway mit LDAP-Anbindung
Ein konkretes Beispiel für die Appliance-Kategorie ist das SEPPmail Secure E-Mail Gateway. Es nutzt LDAP für Benutzeranlage und Berechtigungsabfragen und seit Firmware 15.0.6 auch für die Anmeldung an der Admin-GUI. Eine Appliance im Azure-VNet erreicht die verwaltete Domäne über VNet-Peering mit einem dedizierten Bind-Konto (Directory Readers), abgesichert über NSGs. Spätestens für die Admin-GUI-Anmeldung, deren TLS-Option standardmässig aktiv ist, gehört die Verbindung auf Secure LDAP.
Fazit
Entra Domain Services ist kein Ersatz für Entra ID, sondern eine Brücke: Der Dienst übersetzt eine Cloud-Benutzerbasis in eine klassische AD-Domäne für alles, was LDAP, Kerberos oder Domänenbeitritt verlangt. Wer nur eine einzelne Anwendung anbinden muss, sollte die laufenden Kosten gegen eine Modernisierung der Anwendung abwägen. Steht der Dienst einmal, verhalten sich Appliances und Legacy-Anwendungen wie in einer gewohnten AD-Umgebung, inklusive der beschriebenen Eigenheiten bei OU-Struktur, Berechtigungen und Passwort-Hashes.

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